Geburt


Natürlich bin ich sofort ins Krankenhaus gefahren, und dort lief alles wie im Film ab, ich gehörte gar nicht dazu, und erwartete dass mich irgendjemand wecken möge, damit dieser furchtbare Traum aufhören kann.

Mirko war die ganze Zeit bei mir, aber wir waren nicht einmal in der Lage zu weinen - komisch oder, wir verlieren unser Kind und sind nicht fähig Gefühle zu zeigen. Er hat mir sehr geholfen, und mich nie allein gelassen.

Am Nachmittag des 29. Dezember wurde ich nochmal genau im Krankenhaus untersucht, aber leider stellten die Ärzte dort auch nichts anderes fest als meine Ärztin bereits am Morgen ...

Ungefähr um 17.00 Uhr bekam ich ein Prostaglinzäpfchen gelegt, aber die Ärzte meinten selbst, dass wohl dadurch nicht viel passieren würde. Wir warteten nun auf irgendetwas - aber worauf eigentlich.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich die Hebamme fragte wie lange nun alles dauern würde, aber sie meinte, dass man das nie genaus sagen kann, da jeder Körper anders reagiert. Ich wusste eigentlich überhaupt nicht was nun auf mich zukommen würde, da Eric ja mein erstes Kind war und ich demzufolge auch keine Ahnung hatte wie man sich verhalten sollte, was richtig oder falsch war - ja einfach was ich nun machen musste.

Ich hab immer nur gedacht, nehmt mir dieses "tote Kind" aus dem Bauch und dann lasst mich alle in Ruhe. Ich konnte nicht verstehen, dass ich nun auch noch eine normale Geburt (wenn man unter solchen Umständen überhaupt von normal sprechen kann) haben sollte. Mir wäre es am liebsten gewesen, Eric wäre per Kaiserschnitt "geboren" worden, aber davon wollten die Ärzte überhaupt nichts wissen, da es dazu keine Veranlassung gab.

Wie von der Hebamme bereits angedeutet passierte an diesem Tag auch nichts mehr. Mirko und ich saßen nur da, haben geweint, und hatten wahrscheinlich immer noch nicht begriffen was eigentlich gerade passierte.

Am Abend bekamen wir noch Besuch von lieben Verwandten, die genauso fassungslos und bestürzt wie wir selber waren - aber es war wohl leider alles wahr!

Die Nacht verlief eigentlich ganz ruhig, Mirko blieb bei mir im Krankenhaus, und so konnten wir beide die letzten Stunden mit Eric verbringen. Allerdings muss ich heute sagen, dass ich gar nicht mehr so richtig weiß ob ich mich denn eigentlich verabschiedet habe. Damals wollte ich nur, dass Eric endlich geboren wird, und der "Alptraum" ein Ende hat. ( Mit meinem Wissen von heute würd ich vieles ganz anders machen!!!)

Am Morgen des 30. Dezembers wurde ich gegen 10.00 Uhr an den Wehentropf angeschlossen. Die Dosis wurde auch gleich recht hoch eingestellt, so dass ich recht bald ziemlich heftige Wehen bekam. Zu diesem Zeitpunkt wurden wir dann in den Kreissaal geschickt, und dann ging alles relativ schnell...

Unsere betreuende Hebamme war sehr einfühlsam und verständnisvoll. Ich weiß noch, dass ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass Eric ja vielleicht leben würde. Ich sagte ihr, dass ja alles nur ein Irrtum sein könnte, und wir bald ein gesundes Kind in unseren Armen halten würden.

Allerdings unterstütze sie mich nicht in meinen Hoffnungen. Sie wollte in mir keine falschen Illusionen wecken, und sagte mir sehr liebevoll, aber dennoch deutlich, dass unser Kind  - ein totes Kind sein würde ...

Mirko war in diesen traurigen Stunden die ganze Zeit bei mir, in der Phase der tatsächlichen Geburt habe ich ihn allerdings nach draussen geschickt, da ich irgendwie nicht wollte, dass er ein Kind sieht, dessen Bild er nicht mehr vergessen kann. Ich denke heute, dass ich Mirko schützen wollte - ich wusste nicht ob er so stark ist, um diese traurigen Bilder zu verarbeiten ...

Ich kann mich daran erinnern, dass die Hebamme "etwas" in eine kleine silberne Schale legte und es dann zudeckte - es war unser Sohn Eric. Ich hab immer geglaubt, dass man Mirko nun seinen Sohn gezeigt hatte und er ihn doch gesehen hatte ... allerdings war das nicht so.

Da wir im Aufnahmegespräch bereits erwähnt hatten, dass wir unser Kind auf alle Fälle sehen wollten, baten wir nun abermals darum. Wir wollten Eric begrüßen ... wir wollten ihn kennenlernen, ... ihn riechen und berühren ... ihn in unseren Armen halten und dort gemeinsam mit ihm - um ihn weinen.

Nachdem der Chefarzt, der unser betreuender Gynäkologe war, uns zum zweiten Mal abriet Eric anzuschauen entschieden wir uns dagegen.

Wir waren sicher, dass die Ärzte uns in unserem Sinne beraten würden...

Er sagte uns, dass Eric bereits vor ca. 14 Tagen in mir verstorben war - und deshalb wäre es besser ihn nicht zu sehen, da seine Haut bereits Veränderungen zeigte.

Ich wusste damals natürlich von vornherein, dass Eric mich niemals als rosiges, gesundes Baby "anschauen" würde, aber ich war mir dennoch sicher, dass ich ihn wunderschön finden würde.

Die Aussage des Arztes verunsicherte uns allerdings doch, und ich hatte das Gefühl, sie wollten uns diesen Anblick "ERSPAREN".

Natürlich haben wir ihnen geglaubt, denn wir waren selber so unfähig zu denken, und dachten, dass sie uns richtig beraten.

Genau um 12.00 Uhr, am 30.12.2000, war unser Sohn dann geboren.

 

  ***Eric 1.330g - 33 cm***  

Wir haben unseren Sohn nie gesehen, und es existieren im Krankenhaus auch keine Bilder von ihm. Lange Zeit hat mich das sehr beschäftigt, dass mein Sohn -für mich- kein "Gesicht" hat...

Sehr oft habe ich Nachts schlimme Vorstellungen wenn ich mir überlege wie er augesehen haben könnte.

Ich glaube dadurch, dass die Ärzte uns indirekt Angst vor seinem Aussehen gemacht haben kann auch ich keine Ruhe finden. Warum sollten wir Eric nicht sehen, wenn er ganz normal ausgeschaut hat. Was wollten die Ärzte uns "ersparen" ...

Mein Bild von meinem Sohn ist auch heut sehr oft noch ein sehr trauriges, denn meine gedanken gehen meist sehr skurile Wege wenn ich versuch ihn mir vorzustellen ...

 Wir müssen akzeptieren, dass wir auf die erdachten Bilder in unseren Herzen zurückgreifen müssen. Das fällt mir manchmal sehr schwer, aber ich werde versuchen müssen es zu lernen.

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